Werte kultivieren: Geführte Übung für die Therapie (58 Z.)
Wie eine Drei-Fragen-Übung Patienten hilft, eine zentrale persönliche Werthaltung zu benennen, konkrete Handlungen abzuleiten und diese dauerhaft im Alltag zu verankern.
Klinische Fallbeispiele
Wert Verbundenheit trotz sozialer Rückzugstendenz
Klinisches Bild. Frau K., Mitte dreißig, stellt sich mit einer rezidivierenden depressiven Störung vor; sozialer Rückzug ist das vorherrschende Verhaltensmuster. In der sechsten Sitzung leitet die Therapeutin die geführte Übung ein und bittet Frau K., zunächst schriftlich zu benennen, welcher Wert ihr wichtig ist, aber im Alltag kaum gelebt wird. Die Patientin nennt nach kurzem Zögern "Verbundenheit" und erarbeitet dann konkrete Schritte: einen wöchentlichen Spaziergang mit einer Freundin sowie das Wiederaufnehmen eines gemeinsamen Kochprojekts mit der Schwester. Startdatum und Häufigkeit werden festgelegt und in die digitalen Routinen eingetragen. In der Folgesitzung berichtet Frau K., den Spaziergang einmal umgesetzt zu haben; die Stimmung sei danach kurzfristig stabiler gewesen, was die weitere Planung motiviert.
Wert Ehrlichkeit bei chronischer Konfliktvermeidung
Klinisches Bild. Herr A., Ende vierzig, befindet sich in ambulanter Therapie wegen einer Anpassungsstörung nach beruflicher Überlastung; Konfliktvermeidung zeigt sich als zentrales Muster. Der Therapeut führt die Drei-Fragen-Übung ein und Herr A. identifiziert "Aufrichtigkeit" als Wert, der ihm zwar bedeutsam ist, den er aber gegenüber Kollegen kaum umsetzt. Als handlungsorientierte Schritte formuliert er, zweimal pro Woche in Teambesprechungen eine abweichende Meinung zu äußern, zunächst in einem Gespräch mit einem vertrauten Kollegen. Die Frequenz bleibt bewusst gering, um Überforderung zu vermeiden. Nach drei Wochen schildert Herr A. eine spürbare Entlastung; er beschreibt die Routine als hilfreich, um den eigenen Anspruch nicht aus den Augen zu verlieren.
Der klinische Bedarf: Wenn Werte und Handeln auseinanderfallen
Viele Patientinnen und Patienten benennen ihre Werte in der Sitzung durchaus zutreffend. Sie wissen, was ihnen wichtig ist. Was ihnen fehlt, ist der Schritt vom Wissen zum Handeln. Diese Lücke zwischen deklarierter Werthaltung und tatsächlichem Verhalten ist ein zentrales Thema in der ACT-orientierten Arbeit, aber sie taucht genauso in der kognitiv-behavioralen Praxis, in Paararbeit und in entwicklungsorientierten Begleitungen auf.
Das Gespräch darüber stößt regelmäßig an eine bestimmte Grenze: Die Patientin versteht kognitiv, dass Kongruenz zwischen Werten und Verhalten das Wohlbefinden stärkt. Aber konkrete Schritte entstehen im Gespräch oft nicht von selbst. Abstrakte Reflexionen lösen sich im Alltag auf. Was gebraucht wird, ist ein strukturierter Übergang von der Einsicht zur Handlungsplanung, mit einem klaren Format, das diese Bewegung hält. Das ACT-Psychoedukationsprogramm bei Depression widmet sich diesem Zusammenhang über mehrere Sitzungen; diese Übung bietet das komprimierte Äquivalent für einen einzigen Wert, an dem gearbeitet werden soll.
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Die Übung ist bewusst kurz gehalten und besteht aus drei aufeinander aufbauenden Fragen:
Welche Werthaltung liegt dem Patienten am Herzen, obwohl das Handeln noch nicht ausreichend mit ihr übereinstimmt?
Welche konkreten Handlungen kämen in Frage, um diesen Wert aktiv zu kultivieren?
Ab wann, wie häufig und mit wem startet der Patient, mit dem expliziten Hinweis, diese Schritte in den eigenen Routinen zu notieren?
Diese Abfolge folgt einer klaren therapeutischen Logik: Benennen, Ableiten, Verpflichten. Frage 1 erzeugt fokussierte Aufmerksamkeit auf eine einzige Werthaltung, statt in einer diffusen Wertelandschaft zu navigieren. Frage 2 aktiviert Handlungsideen in einem offenen, nicht wertenden Rahmen. Frage 3 überführt die Absicht in konkrete Planung mit Zeitpunkt, Rhythmus und sozialem Kontext, Faktoren, die die Umsetzungswahrscheinlichkeit nachweislich erhöhen. Die abschließende Selbsterinnerung, die Aktionen in den eigenen Routinen zu notieren, bindet die Übung an den Alltag zurück.
Das Bild unten listet die drei Fragen in ihrer Abfolge auf. Es handelt sich dabei um eine statische Vorschau der Übungsstruktur; die vollständig geführte Version mit Antwortfeldern, patientenseitigen Anweisungen und der Möglichkeit zur Nutzung in und zwischen den Sitzungen ist ausschließlich in der App zugänglich, nicht in dieser Abbildung.
![Vorschau der Übungsfragen: Welchen Wert möchte ich kultivieren? Welche Handlungen passen dazu? Wann und wie oft starte ich?]
Für Kliniker, die bereits mit Entwicklungsachsen und Veränderungszielen arbeiten, lässt sich diese Übung als vertiefte Ergänzung einsetzen, die einen benannten Wert unmittelbar in einen Handlungsplan überführt. Ähnliche Planungslogik findet sich auch in der Übung Einen neuen Vorsatz umsetzen.
> Diese Übung steht Patientinnen und Patienten über die Patienten-App von SessionFuel zur Verfügung: Kliniker weisen die Übung in SessionFuel zu, und die Patientinnen und Patienten bearbeiten sie direkt auf ihrem Smartphone, in der Sitzung oder zwischen den Terminen.
> À retenir: Der therapeutische Mehrwert dieser Übung liegt nicht in der Wertereflexion selbst, sondern in der unmittelbaren Überführung in eine terminierte Handlungsplanung, das ist die Stelle, an der das Gespräch allein häufig abbricht.
Klinische Bibliothek
600+ klinische Werkzeuge
Eine Bibliothek, die mit und für Klinikerinnen und Kliniker entwickelt wurde, bereit für den Einsatz in der Sitzung und zur Fortführung zwischen den Terminen.
Diese Übung eignet sich besonders gut, wenn eine Patientin oder ein Patient bereits ein Gefühl für ihre Werte hat, aber konkrete Kongruenz noch aussteht. Sie ist kein Instrument für die allererste Sitzung, sondern für einen Moment, in dem die therapeutische Arbeit bereits eine Richtung hat und ein gezielter Impuls gebraucht wird.
Bei Motivationsverlust: Wenn die Patientin nicht mehr weiß, wozu sie sich anstrengen soll, kann Frage 1 einen Anker setzen. Die Übung Motivationsverlust und Zielreflexion kann parallel eingesetzt werden.
Wenn ein Patient nicht vorankommt und Verhaltensaktivierung gebraucht wird, aber der rein behaviorale Zugang noch nicht greift, hier gibt die Werteebene den nötigen Bedeutungsrahmen.
Das Debriefing in der nächsten Sitzung ist kurz: Was wurde tatsächlich umgesetzt? Welche Hindernisse sind aufgetaucht? Wie hat sich die Handlung in Bezug auf den benannten Wert angefühlt? Dieser Rückblick ist oft ergiebiger als lange Explorationsgespräche. Für Patientinnen, die auch an Selbstakzeptanz oder neuen Überzeugungen arbeiten, schließt die Werte-Übung einen sinnvollen Kreis zwischen Haltung und Verhalten.
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