Grundüberzeugungen erkunden: klinische Reflexionsübung

Eine geführte Übung hilft Patienten, tiefe Überzeugungen über sich, andere und die Welt explizit zu machen und therapeutisch zugänglich zu machen.

Grundüberzeugungen erkunden: klinische Reflexionsübung

Klinische Fallbeispiele

Grundüberzeugungen bei chronischer Erschöpfung

Klinischer Kontext. Frau K., Mitte vierzig, stellt sich mit langjähriger Erschöpfung und einer ausgeprägten Neigung vor, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Im Rahmen der dritten Sitzung leitet die Therapeutin die schriftliche Reflexionsübung ein und bittet die Patientin, ihre tiefsten Überzeugungen über sich selbst, andere und die Welt schriftlich zu formulieren. Frau K. notiert unter anderem: "Ich bin nur wertvoll, wenn ich nützlich bin" und "Andere brauchen mich, also darf ich nicht schwach sein." Das Verschriftlichen ermöglicht es der Therapeutin, diese Muster konkret zu benennen und gemeinsam mit der Patientin zu untersuchen, woher sie stammen. Ein erster Schritt zur Distanzierung von automatisierten Überzeugungen wird so möglich, ohne dass das Gespräch in eine abstrakte Ebene abgleitet.

Überzeugungen über Vertrauen nach Beziehungsabbrüchen

Klinischer Kontext. Herr M., Ende dreißig, kommt nach mehreren gescheiterten Partnerschaften in Behandlung und beschreibt eine anhaltende Erwartung, früher oder später verlassen zu werden. Der Therapeut gibt ihm die Reflexionsfragen schriftlich mit nach Hause, mit der Bitte, sich Zeit für eine ruhige Bearbeitung zu nehmen. Herr M. bringt in der Folgesitzung Formulierungen wie "Menschen verlassen einen, sobald sie einen wirklich kennen" und "Die Welt ist ein Ort, an dem man sich letztlich auf niemanden verlassen kann." Das konkrete Aufschreiben überraschte ihn selbst, da er diese Annahmen bis dahin nie explizit artikuliert hatte. Die Übung schafft eine gemeinsame Arbeitsgrundlage, auf der biografische Wurzeln dieser Überzeugungen in den folgenden Sitzungen exploriert werden können.

Was in der Sitzung widersteht

Grundüberzeugungen sind selten etwas, das Patientinnen und Patienten von sich aus benennen. Sie wirken im Hintergrund, formen Wahrnehmungen, Beziehungsmuster und Symptome, ohne je als solche erkannt zu werden. Wenn der Kliniker direkt fragt, kommen häufig ausweichende oder oberflächliche Antworten. Das liegt nicht an mangelnder Bereitschaft, sondern daran, dass tiefe Glaubenssätze so selbstverständlich geworden sind, dass sie wie Tatsachen klingen. Die Unterscheidung zwischen einer Überzeugung und einer Beobachtung zu erklären, ist verbal oft mühsam. Genau hier greift diese Übung: Sie schafft eine strukturierte Reflexionsgrundlage, die das Gespräch nicht ersetzt, sondern vorstrukturiert. Die Arbeit mit tiefen Überzeugungen ist auch eng verbunden mit Übungen wie Grundüberzeugungen klären: eine strukturierte Übung für die Praxis oder den Ursprung negativer Gedanken aufspüren.

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Was die Übung enthält

Die Übung besteht aus einer einzigen, mehrgliedrigen Kernfrage. Ihre Stärke liegt in ihrer expliziten Breite: Die Patientin oder der Patient wird eingeladen, Überzeugungen in vier Dimensionen zu benennen, über sich selbst, über andere Menschen, über die Welt und über die eigene Rolle auf der Erde. Diese Struktur folgt einem klinisch bekannten Rahmen, der aus der kognitiven Arbeit mit Kernschemata bekannt ist und den Zugang zu sonst schwer greifbaren Inhalten erleichtert.

Die Frage ist in der Übung eingebettet in eine einleitende Kontextualisierung: Die Patientin oder der Patient wird daran erinnert, dass solche Überzeugungen aus der persönlichen Geschichte und Erziehung entstehen, was allein schon normalisierend wirkt, bevor die eigentliche Reflexion beginnt.

Übungsvorschau: Wir haben alle tiefe Überzeugungen, die auf unserer persönlichen Geschichte und Erziehung aufgebaut sind. Was sind deine tiefen Überzeugungen über dich selbst? Über andere? Über die Welt? Über unsere Rolle auf der Erde?

Dieses Bild ist eine statische Vorschau der Übungsfrage. Die vollständige geführte Übung mit patientenseitigem Einführungstext, Antwortfeldern und der Möglichkeit zur Nutzung in und zwischen den Sitzungen steht ausschließlich in der App zur Verfügung, nicht in dieser Abbildung.

> Diese Übung steht Ihren Patientinnen und Patienten über die Patientenanwendung von SessionFuel zur Verfügung: Sie weisen die Übung direkt aus Ihrem SessionFuel-Konto zu, und der Patient bearbeitet sie eigenständig auf seinem Smartphone, ob während der Sitzung als strukturiertes Einstiegsformat oder zwischen den Terminen als Vorbereitungsaufgabe.

Als konkretes Sitzungstool lässt sich die Übung mit weiterführenden Schritten kombinieren, etwa mit negativen Überzeugungen ersetzen oder eine neue Überzeugung festigen, wenn die Explorationsphase abgeschlossen ist.

> À retenir : Eine einzige breite Reflexionsfrage, die vier Dimensionen abdeckt, liefert oft mehr klinisch verwertbares Material als zehn eng gefasste Sondierungsfragen, weil sie den Patienten nicht führt, sondern öffnet.

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Wann und wie vorschlagen

Diese Übung eignet sich besonders zu Beginn einer kognitiven Bearbeitungsphase, wenn das Fallkonzept bereits skizziert ist und der Kliniker verstehen will, welche Kernschemata einer depressiven Episode, einer Angststörung oder einem Beziehungsmuster zugrunde liegen. Sie funktioniert auch gut als Hausaufgabe nach einer ersten Sitzung, in der das Thema Herkunft und Prägung aufgetaucht ist.

Beim Einführen empfiehlt sich eine kurze Rahmung: "Diese Fragen sind nicht leicht, nehmen Sie sich Zeit und schreiben Sie, was zuerst kommt, nicht was korrekt klingt." Das reduziert den Leistungsdruck und erhöht die Authentizität der Antworten.

In der Nachbesprechung bietet sich eine selektive Vertiefung an: Welche Überzeugung hat den Patienten am meisten überrascht? Welche fühlt sich wie eine unveränderliche Tatsache an? Hier schließen Übungen wie globale Urteile nuancieren oder automatische Gedanken erkennen und ersetzen nahtlos an.

Für Patienten mit Perfektionismus oder affektiver Abhängigkeit ist der Bereich "Überzeugungen über andere" oft besonders ergiebig, hier lohnt sich die Verbindung zu Fremdzustimmung hinterfragen oder affektive Abhängigkeit erkennen und bearbeiten. Beim Impostor-Syndrom beleuchtet die Dimension "Überzeugungen über die eigene Rolle" den Kernkonflikt besonders direkt, sodass Das Impostor-Syndrom in der Therapie strukturiert bearbeiten ein sinnvoller Folgeschritt sein kann.

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Einbettung und Erweiterung

Diese Übung steht am Anfang eines Bearbeitungspfads, nicht an dessen Ende. Die erhobenen Überzeugungen werden zum Ausgangsmaterial für weitergehende kognitive Arbeit. Das Psychoedukationsprogramm zu Depression und limitierenden Glaubenssätzen bietet einen strukturierten Rahmen, wenn mehrere Sitzungen gezielt auf die Veränderung dieser Überzeugungen ausgerichtet werden sollen. Für die Selbstwertdimension ist die Übung Ich bin nicht gut genug ein konkreter Anschlusspunkt. Und wenn tiefe Überzeugungen Scham aktivieren, begleitet Scham kognitiv bearbeiten die weitere Verarbeitung.

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