Das Impostor-Syndrom in der Therapie strukturiert bearbeiten
Eine geführte Übung hilft Patienten, Illegitimitätsgefühle zu benennen, Erfolge zu integrieren und den Selbstwert von der Leistung zu lösen.
Klinische Fallbeispiele
Erfolge anerkennen trotz Selbstzweifeln
Klinisches Bild. K., Anfang dreißig, arbeitet seit einem Jahr in einer leitenden Position und berichtet von anhaltendem Gefühl, die Stelle nicht verdient zu haben. In der Sitzung wird ihr die geführte Übung vorgelegt; bei Frage 3 stockt sie zunächst, benennt dann aber auf Nachfrage zwei konkrete Projekterfolge, bei denen sie nachweislich die Initiative ergriffen hatte. Der Therapeut hält fest, dass sie die eigene Rolle konsequent externalisiert hatte, und lädt sie ein, diese Zuschreibung schriftlich zu korrigieren. Beim nächsten Termin beschreibt K. eine leichte, aber spürbare Verschiebung: Die Gedanken seien noch da, wirkten jedoch weniger zwingend.
Selbstwert von Leistung entkoppeln
Klinisches Bild. M., Mitte vierzig, Hochschullehrer, stellt sich nach einer negativen Peer-Review-Rückmeldung vor und schildert starke Scham sowie den wiederkehrenden Gedanken, seine Professur erschlichen zu haben. Die Fragen 4 und 5 der Übung werden gemeinsam in der Stunde bearbeitet; M. erkennt dabei, dass ein einziges kritisches Gutachten seinen gesamten Selbstwert erschüttert hatte. Der Kliniker führt das Konzept der bedingungslosen Selbstakzeptanz ein und bittet M., bis zur nächsten Sitzung einen Fehler aus der Vergangenheit aufzuschreiben, der folgenlos geblieben war. M. zeigt sich skeptisch, bringt den Text dennoch mit und bemerkt selbst, dass die Katastrophe ausgeblieben war.
Das klinische Problem: Was am Impostor-Syndrom so schwer zu greifen ist
Das Impostor-Syndrom ist einer jener Zustände, die Patienten sehr wohl in Worte fassen können, die aber im Gespräch kaum greifbar werden. Der Klient weiss, dass er seinen Job beherrscht. Er weiss es rational. Und doch hält die Überzeugung stand, ein Betrüger zu sein, der jeden Moment entlarvt wird. Diese Diskrepanz zwischen kognitivem Wissen und erlebter Wahrheit ist das Kernproblem, und sie lässt sich selten durch direkte Konfrontation auflösen.
Hinzu kommt, dass Illegitimitätsgefühle häufig mit tief verankerten Grundüberzeugungen verknüpft sind, die im Alltag automatisch und rasch aktiviert werden. Ruminative Schleifen darüber, ob man wirklich gut genug ist, verstärken das Muster, ohne es je zu klären. Die Übung Ich verdiene meinen Platz nicht gibt dieser Arbeit eine konkrete Struktur.
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Was die Übung enthält: fünf Fragen, die die Arbeit tragen
Die Übung besteht aus fünf aufeinander aufbauenden Fragen:
Bitte beachten Sie: Das Bild oben ist eine statische Vorschau der Übungsfragen. Die vollständige geführte Übung mit Eingabefeldern, patientenseitigen Instruktionen und der Möglichkeit zur Nutzung in und zwischen den Sitzungen ist ausschließlich in der App verfügbar, nicht in diesem Bild.
> Diese Übung steht Ihren Patienten über die Patientenapp von SessionFuel zur Verfügung: Sie weisen die Übung in SessionFuel zu, und Ihr Patient bearbeitet sie direkt auf seinem Smartphone, sowohl in der Sitzung als auch eigenständig zwischen den Terminen.
Die erste Frage verankert das Erleben situativ: Wann war das zuletzt so? Diese Kontextualisierung verhindert, dass das Impostor-Gefühl abstrakt bleibt. Die zweite Frage benennt den alltäglichen Leidensdruck und die emotionalen Kosten, was für die therapeutische Zielsetzung unverzichtbar ist.
Die dritte Frage stellt einen direkten Kontrast her: Welche Erfolge hat der Patient zuletzt erzielt, und welche Rolle hat er selbst dabei gespielt? Dieser Schritt arbeitet explizit dem Neigen zu globalen Negativurteilen über die eigene Person entgegen. Die vierte Frage, die wohl produktivste, legt die Verknüpfung zwischen Selbstwert und Leistung offen und fragt nach konkreten Wegen, diese zu entkoppeln. Dieser Schritt ergänzt gut, was in der Arbeit mit negativen Überzeugungen und in der Bearbeitung dysfunktionaler Emotionen begonnen wurde. Die letzte Frage führt zur Akzeptanzkomponente: Wie wirkt das Recht auf Fehler befreiend? Diese Frage schlägt eine Brücke zu Selbstakzeptanzarbeit und zu einem mitfühlenderen Selbstbezug.
> À retenir: Das Impostor-Syndrom löst sich nicht durch Überzeugungsarbeit, sondern durch die strukturierte Auseinandersetzung mit konkreten Erlebnissen, Erfolgen und der eigenen Fehlertoleranz.
Klinische Bibliothek
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Diese Übung ist besonders indiziert, wenn ein Patient das Thema Legitimität selbst einbringt, etwa nach einer Beförderung, einem Jobwechsel oder einer Leistungsrückmeldung. Sie passt auch in eine Phase, in der Grübelgedanken über die eigene Kompetenz bereits identifiziert worden sind und nun konkret bearbeitet werden sollen.
Häufig tritt das Impostor-Syndrom in Kombination mit Scham und sozialer Bewertungsangst auf. Wer bereits mit dem Programm zu Scham oder mit dem Programm zu sozialer Angst gearbeitet hat, findet in dieser Übung eine sinnvolle Vertiefung.
Sie können die Übung in der Sitzung gemeinsam durchgehen und die Antworten als Gesprächsbasis nutzen oder sie als Hausaufgabe zwischen zwei Terminen zuweisen. Der Wiedereinstieg beim nächsten Termin gestaltet sich dann nahtlos: Die gespeicherten Antworten des Patienten erlauben ein direktes Nachfragen, besonders bei Frage 3 und 4, die oft überraschende kognitive Verschiebungen erzeugen.
Die Übung steht für sich allein, fügt sich aber gut in ein breiteres Arbeitsfeld ein. Bei Überschneidungen mit limitierenden Überzeugungen im Rahmen von Angst oder depressiven Glaubenssätzen lässt sie sich als erfahrungsnahes Pendant zu psychoedukativen Programmen nutzen. Für das Debriefing bietet sich bei Bedarf auch ein Selbstmitgefühlsansatz an, etwa mit dem Audio Mitgefühl für eigene Emotionen, das den nach der Übung entstehenden Verarbeitungsraum emotional stützen kann.
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