Konflikte klären: eine strukturierte Übung für die Therapie
Eine geführte Übung, die Klienten Schritt für Schritt von der Situationsbeschreibung bis zum Kompromiss begleitet und die Arbeit in der Sitzung konkret unterstützt.
Klinische Fallbeispiele
Geschwisterkonflikt nach Erbschaftsstreit
Klinischer Kontext. Frau K., Mitte vierzig, stellt sich mit einer mittelgradigen depressiven Episode vor; ein seit Monaten schwelender Streit mit ihrem Bruder um den Nachlass der Mutter belastet sie deutlich. In der fünften Sitzung schlägt der Therapeut die strukturierte Übung vor und bittet sie, die Fragen schriftlich zu bearbeiten. Beim Durchgehen ihrer Antworten bemerkt Frau K. selbst, dass sie bislang kaum versucht hatte, die Position ihres Bruders nachzuvollziehen, und benennt erstmals konkrete Punkte, die sie als berechtigt anerkennen kann. Der Therapeut nutzt dies als Ausgangspunkt, um mögliche Zugeständnisse zu erarbeiten; Frau K. verlässt die Sitzung mit einem formulierten Gesprächsangebot, das sie ihrem Bruder zukommen lassen will.
Wiederkehrender Konflikt in der Partnerschaft
Klinischer Kontext. Herr M., Ende dreißig, kommt im Rahmen einer kognitiv-behavioralen Therapie bei anhaltenden Anpassungsschwierigkeiten; wiederkehrende Auseinandersetzungen mit seiner Partnerin münden regelmäßig in Vorwürfen und anschließendem Rückzug beider Seiten. Der Therapeut führt die Übung ein und lässt ihn zunächst mündlich beschreiben, woran sein Gegenüber erkennen könnte, dass ihm eine Lösung wirklich wichtig ist. Herr M. stockt bei dieser Frage merklich, da er feststellt, dass sein Verhalten in Konflikten das Gegenteil signalisiert. Die Auseinandersetzung mit Frage drei offenbart konkrete emotionale Auslöser, die ihn regelmäßig in eine anklagende Haltung drängen. Diese Beobachtungen fließen direkt in die anschließende Kommunikationsarbeit der Sitzung ein.
Was in der Konfliktarbeit so schwer greifbar ist
Zwischenmenschliche Konflikte gehören zu den häufigsten Themen in der psychotherapeutischen Arbeit. Das klinisch Schwierige daran: Wer mitten im Konflikt steckt, sieht die Situation fast zwangsläufig aus einer einzigen Perspektive. Emotionale Aktivierung schränkt die Fähigkeit zur Perspektivübernahme erheblich ein. Das Erklären von Konzepten wie aktiver Zuhörung, Deeskalation oder Kompromissbereitschaft bleibt in dieser Lage oft folgenlos. Der Klient nickt, stimmt zu, und reproduziert in der nächsten Interaktion dieselben Muster.
Hinzu kommt, dass viele Klienten zwar wissen, dass sie nicht anklagen sollen, aber kaum wahrnehmen, wie genau sie es trotzdem tun. Die Lücke zwischen Einsicht und Verhalten ist klinisch relevant. Was fehlt, ist ein strukturiertes Werkzeug, das den Klienten durch die Reflexionsschritte führt, die im freien Gespräch regelmäßig übersprungen werden.
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Was die Übung enthält und wie sie als konkretes Arbeitsmittel funktioniert
Die Übung begleitet den Klienten durch fünf aufeinander aufbauende Fragen.
Frage 1 bittet um eine freie Beschreibung der Konfliktsituation. Das ist der Ausgangspunkt, der dem Therapeuten schnell zeigt, wie der Klient den Konflikt rahmt und wem er die Verantwortung zuschreibt.
Frage 2 verschiebt den Fokus auf das eigene Verhalten als Signal: Welche Elemente zeigen der anderen Person, dass dem Klienten eine Lösung wirklich wichtig ist, und wie könnte er das verstärken? Diese Perspektive ist für viele Klienten neu und öffnet rasch eine produktive Reflexion über Beziehungsgestaltung im Konflikt.
Frage 3 arbeitet an emotionaler Regulation und Selbstbeobachtung: Der Klient benennt konkret, welche Verhaltensweisen deeskalierend wirken und welche in die entgegengesetzte Richtung gehen. Gerade diese Frage macht implizite Muster explizit.
Frage 4 fordert eine echte kognitive Perspektivübernahme: Der Klient soll nicht nur sagen, dass er die andere Seite versteht, sondern aktiv benennen, welche Elemente der gegnerischen Position er für berechtigt hält. Das ist therapeutisch anspruchsvoll und klinisch präzise.
Frage 5 schließt den Bogen mit der Arbeit an Konzessionen und Kompromissbereitschaft: Was bin ich bereit aufzugeben, und was wäre ein realistischer Mittelweg?
> Dieses Übung steht Ihren Klienten über die Patientenanwendung von SessionFuel zur Verfügung: Sie weisen die Übung direkt zu, und der Klient bearbeitet sie auf seinem Smartphone, sowohl in der Sitzung als auch zwischen den Terminen.
Das Bild unten listet alle fünf Fragen in ihrer Reihenfolge mit einer kurzen einleitenden Erklärung. Dieses Bild ist eine statische Vorschau der Fragen. Die vollständige geführte Übung mit Antwortfeldern, den klientengerechten Anleitungen und der konkreten Einbettung in die Sitzungsarbeit steht ausschließlich in der App zur Verfügung, nicht in diesem Bild.
![Vorschau der Übungsstruktur: die fünf Fragen der Übung in geordneter Übersicht, von der Situationsbeschreibung über Selbstwahrnehmung und Perspektivwechsel bis zur Kompromisssuche]
> À retenir : Die Stärke dieser Übung liegt nicht im Konzept, sondern in der Abfolge: Vom Bericht über die Selbstwahrnehmung zur Fremdperspektive bis zum Kompromiss führt sie den Klienten durch Schritte, die im freien Gespräch regelmäßig übersprungen werden.
Klinische Bibliothek
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Eine Bibliothek, die mit und für Klinikerinnen und Kliniker entwickelt wurde, bereit für den Einsatz in der Sitzung und zur Fortführung zwischen den Terminen.
Die Übung eignet sich ab dem Moment, in dem ein Klient einen konkreten, aktuellen Konflikt beschreibt und eine minimale Bereitschaft zeigt, das eigene Verhalten zu reflektieren. Wer die andere Person ausschließlich als Problem betrachtet, wird Frage 3 und 4 kaum ernsthaft bearbeiten können. In diesem Fall lohnt es sich, die Übung zunächst in der Sitzung zu begleiten, bevor sie als Zwischenauftrag eingesetzt wird.
In der Sitzung dienen die Fragen als Gesprächsleitfaden: Sie strukturieren die Exploration, ohne sie einzuengen, und ermöglichen gezieltes therapeutisches Nachfragen. Besonders Frage 3 bietet Ansatzpunkte für die Arbeit an emotionaler Steuerung, Frage 4 für die Vertiefung von Mentalisierungsfähigkeiten.
Zwischen den Sitzungen eignet sich die Übung als Vorbereitungsaufgabe vor einem schwierigen Gespräch oder als Nachbereitungsaufgabe unmittelbar danach. Der Klient bringt seine Antworten in die nächste Sitzung mit, was den Einstieg verkürzt und die Arbeit vertieft.
Bei Klienten mit ausgeprägtem vermeidendem Kommunikationsstil bietet Frage 2 einen besonders zugänglichen Einstieg. Bei Klienten, die zur Überverantwortung neigen, wirkt Frage 5 als nützliches Korrektiv.
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