Das ist ungerecht: Ungerechtigkeit in der Therapie bearbeiten
Eine strukturierte Übung, die Patienten vom Ruminieren über erlebte Ungerechtigkeit hin zur Handlungsfähigkeit begleitet.
Klinische Fallbeispiele
Ungerechtigkeit nach beruflicher Übergangung
Klinisches Bild. Herr K., Mitte vierzig, stellt sich mit einer mittelgradigen depressiven Episode vor; ein zentrales Thema ist die Beförderung, die seiner Ansicht nach zu Unrecht an einen jüngeren Kollegen gegangen ist. Der Therapeut schlägt die schriftliche Übung Das ist ungerecht vor und bittet ihn, die Situation zunächst konkret zu beschreiben und die wahrgenommenen Ungerechtigkeiten zu benennen. Im zweiten Schritt arbeitet Herr K. heraus, welche Gefühle ihn belasten, vor allem Kränkung und Ohnmacht, bevor er in einem weiteren Schritt mögliche kontextuelle Erklärungen notiert, die er bislang ausgeblendet hatte. Am Ende der Sitzung gelingt es ihm, zwei konkrete Handlungsoptionen zu formulieren, ein Gespräch mit dem Vorgesetzten und die gezielte Weiterbildung, was das anhaltende Grübeln spürbar unterbricht.
Chronische Erkrankung als erlebte Ungerechtigkeit
Klinisches Bild. Frau T., Ende dreißig, leidet seit der Diagnose einer chronischen Autoimmunerkrankung unter wiederkehrenden Gedanken, das Leben habe sie ungerecht behandelt, während Gleichaltrige gesund geblieben seien. Die Therapeutin führt die Übung ein, indem sie Frau T. bittet, die wahrgenommene Ungerechtigkeit zunächst schriftlich zu konkretisieren und die ausgelösten Emotionen zu benennen. Im weiteren Verlauf fällt es Frau T. schwer, erklärende Faktoren zu finden, was die Therapeutin als diagnostisch relevant notiert und in der nächsten Sitzung aufgreift. Dennoch gelingt beim letzten Übungsschritt eine erste Verschiebung: Frau T. identifiziert Bereiche, in denen sie Einfluss hat, unter anderem die Therapietreue und soziale Aktivitäten, was ihr nach eigener Aussage ein geringes, aber merkliches Gefühl von Handlungsfähigkeit zurückgibt.
Was in dieser Arbeit widersteht
Das Erleben von Ungerechtigkeit gehört zu den zähesten Mustern in der klinischen Praxis. Patienten, die sich unfair behandelt fühlen, neigen zu Rumination und zur Verfestigung einer opferzentrierten Perspektive. Direkte kognitive Konfrontation scheitert hier häufig: Wer erklärt, statt zuzuhören, riskiert, den Patienten in seiner Wahrnehmung zu entwerten. Gleichzeitig kommt die Therapie nicht voran, solange dasselbe erlebte Unrecht immer wieder den Raum besetzt.
Bei Anpassungsstörungen, depressiven Episoden oder anhaltenden Konfliktsituationen taucht dieses Muster regelmäßig auf. Die Herausforderung besteht darin, die emotionale Realität des Patienten anzuerkennen und gleichzeitig einen Prozess anzustoßen, der über das Feststecken hinausführt. Genau dafür bietet diese Übung eine handhabbare Struktur.
Nutzen Sie diese Ressource mit Ihren Patienten
Merkblatt, Übungen und Materialien einsatzbereit, direkt in SessionFuel.
Die Übung besteht aus fünf Fragen, die eine gezielte Progression abbilden:
Frage 1 lädt den Patienten ein, die Situation konkret zu schildern und die wahrgenommenen Ungerechtigkeiten zu benennen. Das schafft Raum für Narration, ohne voreilig zu bewerten.
Frage 2 richtet den Fokus auf die ausgelösten Emotionen. Dieser Schritt ist notwendig, bevor jede Form von Perspektivwechsel überhaupt möglich wird.
Frage 3 verschiebt den Rahmen: Der Patient sucht nach Faktoren, die das Ereignis oder die Entscheidung zumindest teilweise erklären könnten. Das ist keine Verharmlosung, sondern das gezielte Öffnen eines anderen Blickwinkels.
Frage 4 fragt explizit nach dem Handlungsspielraum. Was liegt im Einflussbereich des Patienten? Dieser Schritt aktiviert Selbstwirksamkeit und löst aus dem Ohnmachtserleben.
Frage 5 lädt dazu ein, über konkrete Wege des Loslassens nachzudenken.
Das Bild unten listet alle fünf Fragen in der Reihenfolge auf, wie sie in der Übung erscheinen. Dieses Bild ist ausschließlich eine statische Vorschau der Fragen: Die vollständige geführte Übung mit Eingabefeldern, patientengerechter Anleitung und der Einbindung in und zwischen den Sitzungen erlebt der Patient nur in der App, nicht in dieser Abbildung.
> Zu beachten: Die Stärke dieser Übung liegt in ihrer Schrittfolge. Wer direkt zu Frage 4 springt, verliert den therapeutischen Wert der emotionalen Validierung, die Frage 2 sicherstellt.
> Diese Übung steht Ihren Patienten über die Patientenanwendung von SessionFuel zur Verfügung: Sie weisen die Übung Ihrem Patienten zu, der sie dann direkt auf seinem Smartphone bearbeitet, in der Sitzung gemeinsam mit Ihnen oder selbstständig zwischen den Terminen.
Klinische Bibliothek
600+ klinische Werkzeuge
Eine Bibliothek, die mit und für Klinikerinnen und Kliniker entwickelt wurde, bereit für den Einsatz in der Sitzung und zur Fortführung zwischen den Terminen.
Die Übung ist besonders indiziert, wenn ein Patient wiederholt auf dasselbe erlebte Unrecht zurückkommt und kognitive Starrheit die therapeutische Arbeit blockiert. Sie eignet sich für Jugendliche ab dem mittleren Jugendalter und Erwachsene, bei denen ein Mindestmaß an Reflexionsfähigkeit vorhanden ist.
In der Sitzung kann sie als strukturierter Einstieg nach dem Bericht eines konkreten Ereignisses genutzt werden. Der Therapeut begleitet die Fragen als Leitfaden, ohne die Antworten zu lenken. Zwischen den Sitzungen eingesetzt, ermöglicht sie dem Patienten, eigenständig zu reflektieren, bevor das Material beim nächsten Termin besprochen wird.
Beim Debrief lohnt es sich, besonders bei Frage 3 innezuhalten: Welche erklärenden Faktoren hat der Patient gefunden? Konnten sie entstehen, ohne die eigene Verletzung zu minimieren? Diese Spannung trägt oft das produktivste Material der Folgesitzung.
Mobile App für Patienten
Ihre Sitzung setzt sich in der Hosentasche Ihrer Patienten fort
Die Merkblätter, Übungen, Programme und Audios oben: Sie entscheiden, welche Sie Ihren Patienten in der eigens für sie bestimmten mobilen App zur Verfügung stellen.